vormals "Adagio für Streicher und Harfe"

>>> Quellen

AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 4 Min.

VERLAG:
Universal Edition
Belmont Music Publishers (USA, Canada, Mexico)

Arnold Schönberg war sowohl in seinem kompositorischen als auch bildnerischen Werdegang Autodidakt. Das Studium der Partituren seiner Vorbilder, darunter Bach, Mozart und Beethoven, ließen in ihm den Wunsch wach werden selbst zu komponieren. Bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr beschränkten sich diese Versuche nach eigenen Angaben auf "Imitationen solcher Musik, die mir zugänglich war. Die einzigen Quellen, aus denen ich schöpfen konnte, waren Violinduette und Arrangements von Opernpotpourris für zwei Violinen, wozu noch die Musik gerechnet werden darf, die ich durch Militärkapellen kennenlernte, die in öffentlichen Gärten Konzerte gaben." ("Rückblick" 1949) ["imitations of such music as I had been able to become acquainted with - violin duets and duet-arrangements of operas and the repertory of military bands that played in public parks." ("My Evolution", 1949)] Den einzigen nachweisbaren Unterricht erhielt Schönberg durch seinen späteren Schwager Alexander von Zemlinsky, den er im Herbst 1895 kennengelernt hatte. Zemlinsky war damals Leiter des Wiener "Musikalischen Vereins Polyhymnia", einer Gruppe von dilettierenden Liebhabern, die zunächst im Hotel "Rabl" am Fleischmarkt sowie im Hotel "National" in der Taborstraße und schließlich in der "Großen Tabakspfeife" in der Goldschmiedgasse Proben abhielten. Laut Zemlinskys Angaben bestand das Vereinsorchester lediglich "aus ein paar Violinen, einer Bratsche, einem Cello und einem Contrabaß". Arnold Schönberg, der im Sommer 1895 seine Stelle im Bankhaus Werner & Co. gekündigt hatte, agierte in der "Polyhymnia" laut Zemlinskys Jugenderinnerung von 1934 als "ebenso feurig wie falsch" spielender Cellist. Am 2. März 1896 fand im Festsaal des Kaufmännischen Vereins das erste offizielle Orchesterkonzert der "Polyhymnia" statt, auf dessen Programm neben Alexander Zemlinskys "Waldgespräch" unter anderem die erste öffentliche Aufführung eines Schönberg-Werks stand: "ein sehr stimmungsvolles Notturno (Manuscript) für Streichorchester und Sologeige" ("Neue musikalische Presse" vom 15. März 1896). Schönbergs "Notturno" galt in der Forschung lange als verschollen, Antony Beaumont konnte das Werk jedoch kürzlich als jenes Manuskript identifizieren, das in den Werkverzeichnissen bislang unter dem Titel "Adagio für Harfe und Streicher" geführt wurde und in der Library of Congress in Washington (Nachlaß Moldenhauer) aufbewahrt wird. Die Identifizierung wird aufgrund eines Vergleichs mit dem Zemlinsky-Manuskript "Waldgespräch" möglich, das Besetzungseintragungen von gleicher Hand sowie Parallelen in der Instrumentierung aufweist (bevorzugte Behandlung von Sologeige und Harfe). Beaumont führt dieses Charakteristikum in der von ihm edierten Ausgabe (Universal Edition Wien, 2001) auf die spezifische Situation des "Polyhymnia"-Orchesters zurück, das auf eine(n) herausragende(n) Konzertmeister(in) bzw. Harfinisten(in) zurückgreifen konnte. Fingersätze in der Cellostimme des "Notturno", die eindeutig von Schönbergs Hand stammen, deuten ferner darauf hin, daß der Komponist selbst an der Uraufführung mitwirkte. Die drei Jahre vor dem Streichsextett "Verklärte Nacht" entstandene, spätromantische Komposition sah ursprünglich die Tempobezeichnung Andante vor und wurde von Schönberg erst nachträglich in Adagio geändert.

Therese Muxeneder
© Arnold Schönberg Center

 

Diese Website verwendet Cookies, um eine optimale und vollständige Nutzung der Inhalte zu ermöglichen. 
>> Informationen über Cookies und Datenschutz