Mit Transkription und Indizierung von Schönbergs Kalendern aus den Jahren 1918 und 1919, die ab sofort über das Bildarchiv einsehbar sind, setzen wir die Einblicke in Schönbergs Tages- und Wochenabläufe fort.

Die Kalender gewähren Einblicke in gesellschaftliche Aktivitäten, verzeichnen Adressen, enthalten vermischte Notizen, musikalische Skizzen sowie Stundenpläne, die Schönbergs Unterrichtstätigkeit in privatem Rahmen und am Seminar für Komposition der Schwarzwald’schen Schulanstalten in Wien dokumentieren. Der hier abgebildete Stundenplan (linke Seite) führt einige der Schüler*innen der Jahre 1918/19 an: Hugo Breuer, Karl Rankl, Olga Novakovic, Josef Rufer, Fritz Kaltenborn, Josef Travnicek, Max Deutsch und Franz Wittenberg.

Einige der Schüler übernahmen administrative und künstlerische Funktionen in dem 1918 von Schönberg gegründeten Verein für musikalische Privataufführungen. Die Idee zum Verein wurde nach dem Erfolg von 10 öffentlichen Proben der Kammersymphonie op. 9 geboren, die Schönberg im Juni 1918 im kleinen Konzertsaal des Wiener Musikvereins abgehalten hatte.

Ein Eintrag im Kalender (rechte Seite unten) nimmt indirekt auf die öffentlichen Proben Bezug. Schönberg notiert auf der rechten Seite unten den Namen: »Dr. Brons[c]ia | Koller | Oberwaltersdorf | a[n]/d[er] Aspangbahn«

Wie ein Brief von Schönbergs Schüler Alban Berg an dessen Frau Helene vom 5. Juni 1918 dokumentiert, zählte neben der Familie Schönberg und Berg die Malerin Broncia Koller-Pinell und deren Sohn ebenso zu den Gästen der öffentlichen Proben wie Johannes Itten, Alma und Anna Justine Mahler, Franz Werfel, Adolf Loos, Elsie Altmann, Hugo Kauder und Erwin Ratz.

Schönberg kannte Werke von Broncia Koller-Pinell seit den von ihm besuchten Wiener Kunstschauen 1908 und 1909, möglicherweise auch von einer Ausstellung in der Galerie Miethke 1911. Es ist nicht nachgewiesen, ob er Koller-Pinells Wohnsitz in Oberwaltersdorf aufsuchte. Von Mödling aus, wo Schönberg seit März 1918 mit seiner Familie lebte, wäre Oberwaltersdorf leicht über die Aspangbahn via Umsteigebahnhof Biedermannsdorf zu erreichen gewesen. Wenngleich die Kernzeit seiner Malerei im Frühjahr 1918 schon einige Jahre zurücklag, war Schönberg sporadisch mit bildender Kunst befasst (Selbstportrait vom Mai 1918) und stand weiterhin der Kunstszene nahe. Im Salon von Koller-Pinell verkehrten u. a. Egon Schiele, der Schönberg im Jahr zuvor portraitiert hatte, sowie Josef Hoffmann und Kolo Moser, die an der Einrichtung des ehemaligen Gutshauses in Oberwaltersdorf mitgewirkt hatten.