Mit Transkription und Indizierung von Schönbergs Kalendern aus den Jahren 1945 und 1947, die ab sofort über das Bildarchiv einsehbar sind, setzen wir die Einblicke in Schönbergs Tages- und Wochenabläufe fort. Seit 1936 lebte der Komponist in Brentwood, Los Angeles. Sein Kalender von 1947 enthält neben alltäglichen Aufzeichnungen auch eine musikhistorische Reflexion.

Zu Beginn des Jahres 1947 notiert Schönberg akribisch seinen Tagesablauf: Am Donnerstag um 8:15 Uhr bringt er seine Söhne zur Schule, Samstag trifft er seine Tochter in Nate and Al’s Deli zum Lunch, regelmäßig kontrolliert der gesundheitlich angeschlagene Komponist seine Blutzuckerwerte. Wahrscheinlich am Abend des 4. Januar mischt sich unter die nüchternen Daten eine musikhistorische Überlegung: „Hatte die Idee, Machaut’s ‚‘Dissonanzen‘ zu entlarven als ‚‘falsche‘ Lesung. Beabsichtige jede der drei Stimmen in allen Tonarten ‚‘auszuhören‘ und solche ♮ # oder 𝄬 anzuwenden, die der Sache entsprechen. Ich bin sicher!“ Bereits Ende 1931 hatte der Komponist sich anlässlich Edwin von der Nülls jüngst erschienenem Buch „Moderne Harmonik“ mit der Musik von Guillaume de Machaut (1300 – 1377) beschäftigt. Nülls Darstellung der historischen Auffassung von Terz- und Sext-Intervallen als Dissonanzen qualifizierte Schönberg in einer Randbemerkung als „Unsinn“. Er war überzeugt, durch angemessene Wiedergabe des Notentextes die klanglichen Absichten des spätmittelalterlichen Komponisten ins rechte Licht zu rücken.