Im Juni/Juli 1921 wurde Arnold Schönberg Opfer einer antisemitischen Verfolgung im Salzburgischen Mattsee, wo die Gemeindeverwaltung an Vermieter des Ortes den Aufruf erlassen hatte, »enthaltend das Ersuchen, den Ort Mattsee wie im Vorjahre so auch heuer ›judenfrei‹ zu halten« (Salzburger Chronik, 5. Juli 1921).

Das sogenannte »Mattsee-Ereignis« vom Sommer 1921 gilt gemeinhin als zentrale antisemitische Erfahrung des Komponisten und wurde in der Forschung als Initiale für dessen Fokussierung auf seine
jüdische Herkunft gedeutet. Die »Austreibung«, der sich Schönberg als »vielleicht einer der ersten Juden in Mitteleuropa« ausgesetzt sah – er fasste diese später unter den euphemistischen Titel »ein nettes Erlebnis im Salzkammergut« (Brief an Stephen S. Wise, 12. Mai 1934) – bildet zweifellos eine Peripetie in Biographie und jüdischem Selbstverständnis des Wieners, der 1898 in seiner Geburtsstadt zum Protestantismus konvertiert war und wie zahlreiche Juden seiner Generation an die Assimilation als eine greifbare Vision geglaubt hatte. (Die offizielle Rückkehr zum Judentum erfolgte im Juli 1933 in Paris.)

Nach den antisemitischen Umtrieben in Mattsee sah sich Schönberg gezwungen, seinen Erholungs- und Arbeitsaufenthalt abzubrechen und reiste am 13. Juli 1921 ab. Zwei Tage vor seiner Übersiedlung nach Traunkirchen erfüllte er den Autogrammwunsch eines Wiener Musikenthusiasten, der im Jahr zuvor Schönbergs Dirigat der Gurre-Lieder an der Wiener Staatsoper erlebt hatte, und notierte auf eine Karte ein Zitat aus der großen Kantate.

Das vom Archiv des Center vor kurzem erworbene Notenzitat aus dem I. Teil der Gurre-Lieder ist mit »Mattsee 11. VII. 1921« datiert. Waldemars Worte »Es ist so still in mir, | So seltsam stille«, die von den notierten Takten eingeleitet werden, mögen als Motto der Verinnerlichung gleichnishaft für eine Zeit stehen, die in übergroße Lautheit münden sollte. Schönberg hat den kommenden Einbruch der Lautheit spätestens in diesen Julitagen mit wachsamem Gehör antizipiert.

Therese Muxeneder

Literaturhinweise

Siegfried Hetz (Ed.), Wo Dollfuß baden ging. Mattsee erinnert sich: Schönberg, Seyß-Inquart, Stephanskrone. Salzburg: Pustet 2018

Therese Muxeneder: Arnold Schönbergs Konfrontationen mit Antisemitismus (III), in: Eike Feß / Therese Muxeneder (Eds.), Journal of the Arnold Schönberg Center 16/2019. Wien: Arnold Schönberg Center 2019 (erscheint im Oktober 2019)

Abbildung: Notenzitat aus den »Gurre-Liedern«, 1921 © Belmont Music Publishers, Pacific Palisades

 

Diese Website verwendet Cookies, um eine optimale und vollständige Nutzung der Inhalte zu ermöglichen. 
>> Informationen über Cookies und Datenschutz