Objekt #71 / Wenn der Sturm am höchsten geht

Arnold Schönberg: Seraphita
Text: Ernest Dowson/Stefan George
1913

Universal Edition, Wien

Erscheine jetzt nicht, traumverlornes Angesicht,
mir windverschlagen auf des Lebens wilder See.
Sei meine Fahrt auch voll von finster Sturm und Weh:
hier jetzt vereinen oder küssen wir uns nicht!
Sonst löscht die laute Angst der Wasser vor der Zeit
das helle Leuchten deines Angedenkens Stern,
der durch die Nächte herrscht - bleib von mir fern
in deines Ruheortes Heiterkeit.

Doch wenn der Sturm am höchsten geht und kracht,
zerrissen See und Himmel, Mond in meiner Nacht!
Dann neige einmal dem Verzweifelten dich dar,
laß deine Hand (wenn auch zu spät nun)
hilfbereit noch gleiten auf mein fahles Aug und sinkend Haar.
Eh große Woge siegt im letzten leeren Streit!

»›Wilde See‹, ›Fahrt‹, ›Finstrer Sturm‹, ›Weh‹: das sind Textworte, deren Bildhaftigkeit sich wohl von Bach bis zu Strauss kaum ein Komponist ganz entziehen konnte; Textworte, die nicht vorübergleiten konnten, ohne dass ein musikalisches Symbol sie wiedergespiegelt hätte. Und doch ist diese Stelle ein sehr bezeichnendes Beispiel für eine neue Art, solchen Bildern zu entsprechen. Ich darf behaupten, der Erste gewesen zu sein, der so vorgegangen ist: die Andern, die es missverständlicherweise nachgeahmt haben, verschweigen es meist, aber dank dem Missverständnis, darf ich damit gerne einverstanden sein. Man meinte offenbar, ich habe vom Text keinerlei Notiz genommen, weil es bei mir nicht mehr nach einem Sturm klingt oder nach Schwerterklirren oder Hohngelächter und übertrieb das, indem man eine Musik zu keinem oder bestenfalls zu einem andern Text schrieb, als den der eben gesungen wurde. Meine Musik aber nahm von den bildhaften Worten auf dieselbe Art Notiz, wie von den abstrakten: sie förderte den sinnfälligen Vortrag des Ganzen und auch seiner Einzelheiten: nach Massgabe ihrer Bedeutung im Ganzen. Wenn nun also ein Vortragender von einer wilden See in einem andern Tonfall reden wird, als von einer ruhigen, so tut meine Musik nichts anderes: sie schafft ihm die Gelegenheit hiezu und unterstützt ihn; die Musik wird nicht so aufgeregt, wie die See, sondern anders, so wie der Vortragende. Auch ein Bild giebt nicht seinen ganzen Gegenstand wieder: es giebt nur einen bewegungslosen Zustand; und ein Wort beschreibt, den Gegenstand und seinen Zustand; der Film giebt ihn ohne Farbe und ein Farbenfilm gäbe ihn ohne organisches Leben. Dieses letztere aber kann die Musik allein ihm geben: darum darf sie sich hinsichtlich der Nachahmung Beschränkung auferlegen: indem sie vorträgt, trägt sie das Ding und sein Wesen vors geistige Auge.«
(Arnold Schönberg, Analyse der Vier Orchesterlieder op. 22, 1932)

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