Karl Linke
Was das Musikstudium bei Schönberg so faszinierend macht, ist diese ungeheure Ansammlung von Energie, die in jedem Worte liegt, das er spricht. Nie wird etwas Schablone, formelhaft oder starr. Es ist bezeichnend, dass Schönberg immer auf und ab geht, wenn er etwas entwickelt ; weil alles in ihm Aufruhr und Bewegung ist. Vortragen heisst bei ihm immer entwickeln, ableiten, flüssig machen. Schönberg sagt nicht das, was er weiss, sondern was er denkt, was er jedesmal neu denkt. Das blosse Wissen ist etwas Gestorbenes. Es ist einmal eingenommen worden, hat sich im Gedächtnis festgesetzt und verwest dort langsam. Vom Wissen leben die Denkschwachen. Ihre Erneuerungsprozesse haben aufgehört; sie haben sich eingekapselt wie eine Schnecke, die ihr Ende fühlt. Nur mit dem Unterschied, dass die Schnecke ein so feines Tier ist und ihr Ende fühlt; jene Menschen aber, deren Entwicklung hauptsächlich körperlich vor sich geht, gedankenlos weiterleben und sich von Kenntnissen nähren bis ins höchste Alter. Haben sie nun unglücklicherweise mit der künftigen Generation zu tun, etwa als Lehrer, dann kommt jene Sorte von Menschen zustande, die immer wissen, wo sich etwas »befindet«, wo »derselbe« ist und die »diejenigen kennen, welche«. Ueber die sich Wustmann schon vor zwanzig Jahren lustig gemacht hat; jene Dutzendmenschen, die überall eine »Meinung« haben, weil sie überall etwas gelernt haben. Das Lernen ist es ja. Auf das Gelernte sind die meisten stolz, nämlich auf das, was ein anderer in sie hineingebohrt, -gepresst und -gestampft hat. Was ja doch eigentlich gar kein Lernen ist, sondern ein blosses Addieren. Tatsachen werden neben Tatsachen gestellt; ihre Tätigkeiten und Eigenschaften kommen in andere Fächer, wie es eine richtige Sprachlehre vorschreibt. O, so ein Hirn ist gross. Was aber Lernen eigentlich bedeutete, wäre nicht das Nebeneinanderstellen, sondern das Ineinanderfliessen der Dinge, die Verwandlungsfähigkeit und die Fähigkeit, neue Dinge zu gebären. Das Lernen ist dann keine Addition, sondern eine Multiplikation.
Wenn man nun bei Schönberg multiplizieren lernt, so ist das viel mehr, als man sonst von einem Musikstudium erwartet. Denn hier zeigt sich unentrinnbar, was einer künstlerisch taugt. Es ist jede Möglichkeit ausgeschlossen, eine Musik vorzutäuschen, die nicht multiplikativ entstanden, also in den Tiefen ineinandergeflossen und Kristall geworden ist. Im Anfange schlagen die Studierenden gerne aus; sie machen alles schwieriger, als es das Material verlangte; sie verbarrikadieren eine einfache Melodie mit künstlichen Schranken, damit sie wenigstens interessant aussieht. Sie tun dies zwar nicht bewusst und absichtlich, sondern einfach deshalb, weil sie sich über vieles noch nicht klar sind. Schönberg hört es aber, wenn eine Melodie absichtlich ausweicht. Da ist ihm die ehrliche Banalität lieber.
Ich habe einmal in eine Stunde ein Lied gebracht, das ich hauptsächlich deshalb so liebte, weil es so schwer war. Als es Schönberg durchgelesen hatte, sagte er:
»Haben Sie sich das wirklich so kompliziert gedacht?« Eine solche Frage bejaht ein Schüler immer. Denn sie schmeichelt. Aber Schönberg gab nicht nach:
»Ich meine: trug Ihr erster Einfall unzweideutig jene Komplizität der Begleitungsform in sich?«
Eine solche Frage bejaht ein Schüler nicht immer. Denn er fühlt, wie sie ihm an den Leib geht. Ich suchte mich auf den ersten Einfall zu besinnen. Aber Schönberg, durch meine Unsicherheit gestärkt, sprach weiter:
»Haben Sie nicht diese Figur nachträglich darübergelegt, um ein harmonisches Skelett zu bekleiden? Etwa so, wie man Fassaden an Häuser klebt?«
Jetzt hatte er’s auch. Es stellte sich heraus, dass der Einfall bloss harmonisch und nicht zwingend bewegungszeugend gewesen war.
»Sehen Sie, dann begleiten Sie das Lied einfach harmonisch. Es wird primitiv aussehen, aber es wird echter sein als so. Denn was Sie hier haben, ist Schmuck. Das sind dreistimmige Inventionen, geschmückt mit einer Singstimme. Die Musik soll aber nicht schmücken, sie soll bloss wahr sein. Warten Sie ruhig auf einen Einfall, der Ihnen sofort rhythmisch, in der Horizontale ins Bewusstsein kommt. Sie werden staunen, was für eine Triebkraft ein solcher Einfall hat. Sehen Sie sich Schuberts Lied ›Auf dem Flusse‹ an, wie da eine Bewegung die andere zeugt. Und dann: Schwer darf Ihnen gar nichts vorkommen. Was Sie komponieren, muss Ihnen so selbstverständlich sein wie Ihre Hände und Ihre Kleider. Früher dürfen Sie es nicht aufschreiben. Je einfacher Ihnen Ihre Sachen scheinen, desto besser werden sie sein. Bringen Sie mir einmal jene Arbeiten, die Sie nicht herzeigen wollen, weil sie Ihnen zu einfach und kunstlos scheinen. Ich werde Ihnen beweisen, dass sie wahrer sind als diese. Denn nur von solchen Dingen kann ich ausgehen, die Ihnen organisch, also selbstverständlich sind. Wenn Sie etwas, was Sie geschrieben haben, sehr kompliziert finden, dann zweifeln Sie am besten sofort an seiner Echtheit.«
Einige solcher Entlarvungen und der Schüler ist fanatisch streng gegen seine Einfälle. Er hört seine Kompositionen genau aus, worauf es ja eigentlich ankommt. Und manchmal, das ist das wunderbarste in diesen Stunden, fühlt Schönberg bei irgendeiner Stelle der Kompositionsarbeit plötzlich, dass ihn etwas wegdrängt vom Satze, dass der Weg des Klanges anders weitergeht, um weiter unten wieder einzumünden. Was ist das? Eine Weile horcht er:
»Haben Sie diese Stelle nicht so gehört?« und spielt anders weiter, natürlich das, was der Schüler gesucht, aber nicht gefunden hatte; jene Takte, in denen die logische Folge des Einfalles verloren gegangen war und nicht mehr aufgefunden werden konnte.
»Jetzt denken wir aber nach, warum es so weitergehen muss!«
Nun beginnt die Forscherarbeit des Theoretikers. Hier wird ein b entdeckt, das den Klang in eine andere Richtung drängt. Dieses b muss Folgen haben, denen nicht nachgegeben wurde. Jetzt gilt es auszuhorchen, wohin sich der Satz gerne wenden möchte, wie lange er das Bedürfnis hat, zu fallen, und wo der Punkt ist, in dem er sich aufrafft, um zum Schlusse emporzusteigen. Da spricht Schönberg von einem Triebleben der Klänge. Oder es ist eine kleine Taktverschiebung. Ergab sie sich notwendig, dann wird sie öfter als einmal vorkommen müssen. Denn sie ist dann organisch und in jedem Ton muss ihre Möglichkeit verborgen liegen. In allem Folgenden müssen die Ereignisse von vorher nachzittern.
Das wird seinen Schülern bewusst. Dieses Wissen ist aber eines, das nur scheinbar von einem andern gekommen ist. Das Wissen stak embryonisch in ihnen und es bedurfte nur des einen, der es wachrief. Schönbergs Art zu lehren ist darauf gebaut: Er lässt den Schüler finden. Und erst was einer selbst gefunden hat, gehört ganz ihm. Was er der Musik abgerungen hat in ernsthafter Arbeit, das geht nicht verloren, auch wenn die Komposition misslungen ist. Die Kraft ist gewachsen, und wenn sie auch erst im zehnten oder im zwanzigsten Sturme siegen wird.
Kompositionsschüler wachsen am besten an ihren Arbeiten. Dirigententalente, deren Kraft im Reproduktiven liegen wird, erkennt Schönberg bald an der Art, wie sie etwas anfassen. Er behandelt sie dann anders. Da gibt er die Entwicklung der Musik durch die Werke der Grossen selbst: die Analysen. Das ist der zweite Teil seines Lehrens. Jene, die selbst produzieren, führt er nur gelegentlich zur Analyse, um ihnen zu zeigen, wie z. B. Brahms ein harmonisches Problem behandelt oder wie es Beethoven im Quartett löst. Nie sagt Schönberg zweimal dasselbe, aber er kommt zehnmal von verschiedenen Seiten auf denselben Punkt. Die Erklärungsmöglichkeiten sind unendlich. Einmal sagte ihm jemand, dass er heute jene Beethoven-Sonate ganz anders erkläre als das letztemal, worauf Schönberg antwortete:
»Ich bin auch heute ein anderer Mensch und habe nicht die Verpflichtung, konsequent zu sein, sondern nur die, lebendig zu bleiben.«
Eine Erklärung, wie: Hier Hauptsatz, hier Seitensatz und darin diese Modulationen, ist ihm zu langweilig. Er sucht das Triebhafte im Kunstwerke; er zeigt, wie alles von einem Kern ausgeht und nach allen Richtungen ausstrahlt, wie die feinsten Verästelungen des thematischen Gewebes noch Beziehungen haben zum Kern, von dem sie gezeugt sind. Oder er zeigt, wie an einem scheinbaren Endpunkt ein winziges Gebilde hervorwächst, fast unsichtbar noch und ohne Bedeutung, wie es aber Freunde wirbt und stark wird und mächtig und endlich den Kampf aufnimmt mit dem Alten. Nie habe ich noch solche Ehrfurcht vor Beethoven gehabt, als nach jener Stunde, in der Schönberg in dieser Art eine Sonate analysiert hatte. Diese Analysen sind keine Konstatierungen der Verhältnisse; sie sind ein Durchleuchten von innen heraus, ein vollständiges Nachschaffen des Kunstwerkes.
Es ist mir oft gesagt worden, es sei die fabelhafte Kenntnis der Musikliteratur, die Schönberg befähige, so viel von diesen Dingen zu wissen. Ich kenne aber manche, deren Literaturkenntnisse vielleicht nicht geringer sind, und doch verstehen sie es nicht, mit ihren Kenntnissen jemand zu erwärmen. Es kann also nicht in den Kenntnissen liegen, sondern im Menschen, in der Art die Ereignisse anzuschauen, zu vergleichen und zu gruppieren, in der Fähigkeit, in verschiedenen Dingen gleich das ähnliche zu entdecken und in ähnlichen Dingen gleich das verschiedene. Nur so wird das Wissen flüssig und fruchtbar, und wenn es im Anfange schien, als wäre es verachtenswert, etwas zu wissen, so wird es jetzt klar, dass damit nur der Verwesungsgeruch gemeint war, der von dem toten Wissen aufstieg. Im produktiven Menschen wird alles fruchtbar, auch die Historie; denn er wird sie in die Gegenwart einbeziehen.
Merkwürdig ist, dass Schönbergs Art, zu lehren, sich mit dem deckt, was Scharrelmann und andere Schulmänner für die Schule überhaupt fordern: Den Unterricht loszulösen von den starren Formeln und abzuleiten aus dem Menschen, den man vor sich hat; weil er nur so organisch ist und fruchtbar werden kann. Die Kenntnisse sind ja eine schöne Sache, aber man sollte ebensowenig darauf stolz sein wie auf ein hübsches Gesicht, für das man nichts kann. Denn man hat sie bloss erlernt, sie gehören also höchstens unserem Gehirn und werden wieder verloren gehen. Erkenntnisse dagegen, die aus uns selbst hervorgegangen sind, sitzen auch im Blut und in den Nerven und sind durchaus unser Besitztum. Und gingen sie während der weiteren Entwicklung scheinbar verloren, so haben sie doch eine Stufe gebildet, über die wir hinwegschreiten mussten.
Die Stufe war aber notwendig. Das Ziel eines Unterrichtes können nur Erkenntnisse sein, zu denen der Schüler irgendwie kommen muss. Jedem seinen Weg dahin zu weisen und jene Hemmnisse, die nur aufhalten und nicht fördern würden, wegzuräumen, das nur kann die Aufgabe des Lehrers sein.

Egon Wellesz
Schönberg hat in einem ungewöhnlichen Masse die Gabe, dem Schüler das Konstruktive, die »Logik« der Musik zu enthüllen. Die Werke der Klassiker analysierend, deckt er an den verborgensten Stellen organische Zusammenhänge auf, die das Geheimnis der Wirkung irgendeiner Stelle bilden. Sein Hauptbestreben geht dahin, die rhythmische, harmonische und kontrapunktische Erfindungskraft des Schülers auszubilden und zu erweitern. In erster Linie fordert er technische Reife des Könnens als Grundlage des Komponierens. Ohne diese könne auch der begabteste Künstler nur Unvollkommenes leisten. Schönberg weiss in jedem Stadium des Lernens durch Beispiele aus der Musikliteratur die produktive Phantasie des Schülers anzuregen. Innerhalb der Grenzen einer technisch einwandfreien Schreibart lässt er dem Schüler jede Freiheit, und sucht keineswegs ihm seinen eigenen Stil als vorbildlich hinzustellen.

Robert Neumann
Wohl jeder, der das Glück hat, Schönberg näher zu treten, bewundert die Grosszügigkeit, Tiefe und unbedingte Selbständigkeit seiner Auffassung auf den verschiedensten Gebieten künstlerischen Fühlens und streng-ernsten Denkens und erfasst, dass dieser Mann nicht nur der Meister der Tonkunst, sondern überhaupt ein wahrhaft bedeutender Mensch ist. Und ein solcher ist ja immer der beste Lehrer seines Faches, da wenigstens, wo es nicht bloss auf Ausbildung handwerksmässiger Geschicklichkeit, sondern mehr noch auf Bereicherung der Fähigkeiten, Entwicklung der Individualität und Förderung der ganzen Persönlichkeit des Schülers ankommt.


Erwin Stein
Schönberg lehrt Denken. Er hält den Schüler an, mit eigenen, offenen Augen zu sehen, als wäre er der Erste, der die Erscheinungen betrachtet. Was sonst gedacht wurde, soll nicht Norm sein. Ist auch unser Denken nicht besser als das anderer – nicht auf die absolute Wahrheit kommt es an, sondern auf das Suchen nach Wahrheit.


Heinrich Jalowetz
Arnold Schönberg besitzt die beiden Grundfähigkeiten jedes Genies und somit auch jedes genialen Lehrers: auf der einen Seite die Kraft der naiven Anschauung, die auf die Krücke der Tradition verzichten kann und ihn zwingt, alles, von den kleinsten Dingen des täglichen Lebens bis zu den höchsten menschlichen und künstlerischen Fragen, neu zu erfassen, neu zu beleben; auf der andern Seite die Kraft, die persönliche Wertung aller Dinge überzeugend mitzuteilen. Aus diesen beiden Grundkräften seines Wesens ergibt sich das Wunder seiner Lehrweise, seine einzig dastehende Wirkung auf den Schüler. All die in alten Lehrbüchern und im Munde schlechter Lehrer längst vertrockneten künstlerischen Gesetze scheinen in seinen Stunden aus der unmittelbaren Anschauung im Moment erst geboren zu werden oder sie erscheinen plötzlich in einem ganz neuen belebenden Licht, ganz zu schweigen von den völlig neuen Einblicken, die seine persönliche Anschauungsweise stets eröffnet. So wird jede Stufe seines Lehrweges dem Schüler zu einem Erlebnis, das in seinem Innersten fest verankert bleiben muss. Bei dieser ganz unabhängigen Behandlung des Stoffes verlangt er mit äusserster Strenge die Einhaltung der peinlichsten Forderungen der künstlerischen Sauberkeit, so dass der Schüler eine unmotivierte Fortschreitung als Schmutzfleck empfinden lernt und in ihm ein musikalisches Reinlichkeitsgefühl grossgezogen wird, das schliesslich auch ohne Tabulatur wissen muss, was echt und was falsch ist. Endlich hat Schönberg, wie jeder gute Lehrer, die bei einer so starken Persönlichkeit um so bewunderswertere Gabe, sich der Eigenart auch des geringsten Schülers anzupassen, so zwar, dass sicher nicht zwei seiner Schüler auf einem nur annähernd gleichen Weg von ihm geführt wurden. Die Methode »hat« hier nicht der Lehrer, sie ergibt sich vielmehr stets durch den Schüler.
Mit alledem wäre nur ein einseitiges Bild gegeben; denn seine Wirkung auf den Schüler geht weit über den rein künstlerischen Rahmen hinaus. Bei einer so vielseitigen und harmonisch durchgebildeten Natur kann das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler nicht auf den Unterricht beschränkt bleiben.
Schönberg bildet den Schüler im tiefsten Sinn des Wortes und stellt unwillkürlich einen so zwingenden menschlichen Kontakt mit jedem einzelnen her, dass sich seine Schüler um ihn scharen wie die Jünger um ihren Meister. Und wenn wir uns »Schönberg-Schüler« nennen, so geschieht dies mit einer ganz andern Betonung als bei solchen, die nur ein alleinseligmachender Fingersatz oder eine neue Generalbassbezifferung mit ihrem Lehrer unzertrennlich verknüpft. Wir wissen vielmehr, dass alle, die sich so nennen, in ihrem Denken und Fühlen von seinem Wesen berührt sind und fühlen uns dadurch mit allen in einem gewissen geistigen Kontakt. Sein Name ist daher jedem, der sein Schüler gewesen, mehr als eine blosse Erinnerung an die Studienzeit, er ist ihm ein künstlerisches und menschliches Gewissen.


Karl Horwitz
»Trachten Sie, davon nichts, vielmehr von Mozart, Beethoven und Brahms zu lernen! Dann wird Ihnen hierin vielleicht manches beachtenswert erscheinen.«
Diese Worte schrieb mir Arnold Schönberg in mein Exemplar seines ersten Streichquartetts (D-moll, op. 7). Was er damit sagen will, das habe ich während meiner Lehrjahre bei ihm erfahren. Ich erinnere mich, wie oft Schönberg gegen Aeusserlichkeiten energisch auftrat, die sich nicht organisch aus meinem Stil und der Entwicklung ergaben, wie unerbittlich er gegen alles Nichtempfundene vorging.
Noch vor nicht langer Zeit – ich war nicht mehr sein »Schüler« –warnte er mich vor einer äusserlichen Beeinflussung durch seinen Stil: »Sie müssen nicht so schreiben, weil ich so schreibe. Lassen Sie Ihre Persönlichkeit das aussprechen, wozu Sie sich mit aller Gewalt gedrängt fühlen. Jeder hat eine andere Entwicklung hinter sich und gelangt auf seinem Weg zum Ziel, das sich notwendig ergeben muss.«
Schönbergs Erstes und Letztes ist eben inneres Erleben, Wärme des Empfindens; daraus gestaltet sich von selbst Ausdruck und Technik. Wer nichts zu sagen hat, der schweige!
Wieviel ich bei Schönberg gelernt habe, ist kaum zu sagen; was ich ihm verdanke, ist unbegrenzt. Bevor ich zu ihm kam, kannte ich die Klassiker, durch ihn habe ich sie erlebt. Ich lernte so vieles sehen, was ehedem wie verschleiert vor mir gelegen war.
Nicht minder hoch muss ich es ihm anrechnen, dass er nie nur »Lehrer« war. Ein rücksichtsloser Freund stand er mir gegenüber, stets bestrebt, durch unermüdliches Arbeiten einen vollwertigen, vor allem selbstkritischen Menschen zu schaffen.


Anton Webern
Die glänzendste Widerlegung aller böswilligen, neidischen Anfeindungen und Verleumdungen, die rückständige Gehirne gegen Arnold Schönberg als Lehrer angezettelt haben, hat er selbst geboten in seinem Aufsatz: »Probleme des Kunstunterrichtes«.
Niemals sind eindringlichere, wahrhaftigere Worte über diese Dinge gesagt worden.
Und was Schönberg darin ausspricht, das kann und konnte jeder seiner Schüler an sich selber erleben. Man ist der Meinung, Schönberg lehre seinen Stil und zwinge den Schüler, sich diesen anzueignen. Das ist ganz und gar falsch.
Schönberg lehrt überhaupt keinen Stil; er predigt weder die Verwendung alter noch die neuer Kunstmittel. Er sagt :
»Was hat es also für Sinn, die Bewältigung alltäglicher Fälle zu lehren? Der Schüler lernt etwas anwenden, was er nicht anwenden dürfte, wenn er Künstler sein will. Aber das Wichtigste kann man ihm nicht geben: den Mut und die Kraft, sich so zu den Dingen zu stellen, dass alles, was er ansieht, durch die Art, wie er es ansieht, zum aussergewöhnlichen Fall wird.« (Probleme des Kunstunterrichtes)
Dieses »Wichtigste« aber ist es, das der Schüler Schönbergs erhält.
Schönberg verlangt vor allem, dass dieser in den Arbeiten für die Stunden nicht beliebige Noten zur Ausfüllung einer Schulform schreibe, sondern dass er diese Arbeiten aus einem Ausdrucksbedürfnis heraus leiste.
Also, dass er tatsächlich schaffe; gleich in den primitivsten Anfängen musikalischer Satzbildung. Was dann Schönberg dem Schüler an der Hand von dessen Arbeit erklärt, ergibt sich alles organisch aus dieser; von aussen trägt er keinen Lehrsatz dazu.
So erzieht Schönberg tatsächlich im Schaffen.
Er folgt mit höchster Energie den Spuren der Persönlichkeit des Schülers, sucht sie zu vertiefen, ihr zum Durchbruch zu verhelfen, kurzum dem Schüler »den Mut und die Kraft« zu geben, »sich so zu den Dingen zu stellen, dass alles, was er ansieht, durch die Art, wie er es ansieht, zum aussergewöhnlichen Fall wird«.
Dies ist eine Erziehung zur äussersten Wahrhaftigkeit gegen sich selbst.
Sie ergreift neben dem rein-musikalischen auch alle anderen Gebiete des menschlichen Lebens.
Ja wahrlich, man erfährt bei Schönberg mehr als Kunstregeln. Wessen Herz offen steht, wird hier den Weg des Guten gewiesen.
Wie ist es aber zu erklären, dass jeder seiner Schüler, der heute selbständig arbeitet, in einer Weise komponiert, die den Stil seiner Komposition in unmittelbare Nähe von dem der Werke Schönbergs bringt? Dies ist wohl die Hauptursache des im Anfang angegebenen Missverständnisses von Schönbergs Unterricht. Eine Erklärung dafür kann nicht gegeben werden. Mit dieser Frage ist das Geheimnis des künstlerischen Schaffens überhaupt berührt.
Wer will das erklären?
Von einem bloss äusserlichen Ergreifen dieser Kunst-mittel kann nicht die Rede sein.
Was ist es also?
Hier gebietet eine Notwendigkeit, deren Ursachen wir nicht kennen, an die wir aber glauben müssen.


Paul Königer
Es gibt Menschen, die die Dinge um sich klar und stark machen. Menschen, die alles, was in ihren Bereich tritt, erhellen. In deren Händen alles eigenartig und ursprünglich wird.
Das Lernen bei Schönberg ist ein unaufhörliches Empfangen. Alles, was er gibt, kommt aus dem Tiefsten, wirkt auf das innerste Wesen und lässt es wachsen, wie ein Baum wächst aus innerer Notwendigkeit.
Wer zu Schönberg käme, um Wissenschaft zu erwerben, würde fehlgehen. Das, was wir erwerben können, ist nur das Wissen um die Dinge, in denen wir uns irren müssen. Wer aber zu Schönberg ginge, um sich selbst zu finden, würde recht tun. Schönberg kann die, welche an ihn glauben, bis zu dem Wege führen, auf welchem sie sich suchen müssen.
Erfahrungen müssen erlebt werden. Kein System wird dem Schüler zuteil, denn jedes Annehmen eines fertigen Systems ist nur ein Ausruhen am Wege und kommt aus Müdigkeit. Es sind immer die Schwächsten, die von Endergebnissen sprechen.
Die Starken aber werden schaffen. Werte schaffen. Denn alle Werte werden von Menschen geschaffen und werden über die Menschen gestellt. Schönberg stellt neue Werte auf. Und zwingt so, umzudenken und umzulernen. Denn es ist nicht möglich, neue Werte aufzustellen und neue Wertungen zu bestimmen, ohne dass die alten verändert, verkleinert oder vernichtet würden. Aber umlernen zu müssen, das nehmen ihm die vielen übel. Denn die fürchten sich und wollen im Grunde nur, dass ihnen niemand etwas zuleide tue. Doch der, der neue Werte schafft, muss tapfer sein, muss Wille und Mut und Mutwillen haben. Er muss an vielen vorbei und über viele hinweggehen können; das verzeihen ihm die Vielen nicht und machen zuletzt seine Einsamkeit zu seiner Schuld.
Die Kleinen und Schwachen, welche gut aufpassen und nach rechts und links schauen und zu erraten suchen, was gangbare Ware von Marktwert wäre, die können den Schaffenden über sich nicht ertragen. Diesen Zeugen, der ihnen zu oft in Erinnerung bringt, was sie sich gegenseitig recht vernehmlich versichern, nicht zu sein. Aber der Lüge ist ein kurzes Leben beschieden. Und es ist besser, die Wahrheit zu sagen, denn: »Die Wahrheit wirkt ferne und lebt lange.«
Schönberg sagt die Wahrheit. In allem, was er schafft, was er lehrt, die Wahrheit allein.
Für das was sein Wirken, seine Persönlichkeit ausmacht, einen Ausdruck zu finden, würde so schwer sein, wie in Worten zu sagen, was er lehrt und wie er aus seinem Reichtum gibt. Der Ausdruck wird zu finden sein, wenn am Ende seines Lebens sein Werk in tausend Dingen über die Welt ausgebreitet ist.


Alban Berg
Das Genie wirkt von vornherein belehrend. Seine Rede ist Unterricht, sein Tun ist vorbildlich, seine Werke sind Offenbarungen. In ihm steckt der Lehrer, der Prophet, der Messias; und der Geist der Sprache, der besser als der Geist derer, die sie misshandeln, das Wesen des Genies erfasst, gibt dem schaffenden Künstler den Namen »Meister« und sagt von ihm, dass er »Schule macht«. Diese Erkenntnis allein könnte eine Zeit von der Prädestination Arnold Schönbergs zum Lehramt überzeugen, wenn sie eine Ahnung von der Bedeutung dieses Künstlers und Menschen hätte. Dass sie davon keine Ahnung hat, ist natürlich, denn hätte sie überhaupt die Fähigkeit, zu ahnen, Sinn für etwas zu haben, was ihrem Wesen so widerspricht wie alles Unzeitliche: sie wäre nicht das Gegenteil der Ewigkeit. Und doch kann man nur, in Voraussetzung jener Erkenntnis von der Berufung des Künstlers zum Lehramt im allgemeinen, Schönbergs Art zu unterrichten im besonderen richtig beurteilen. Untrennbar von seinem Künstlertum und seiner bedeutenden Menschlichkeit, wird diese einzig berechtigte Art zu lehren noch durch den ausgesprochenen Willen zu diesem Beruf gefördert, der, wie jeder grosse künstlerische Wille – wende er sich dem eigenen Schaffen, der Reproduktion, der Kritik oder schliesslich dem Lehrfache zu – das Höchste hervorbringen muss. Dieses aus solchen Voraussetzungen und Bedingungen entstandene Wunderwerk erschöpfend zu würdigen, hiesse das Rätsel der Genialität lösen und die Geheimnisse der Gottheit ergründen wollen, was an der Unmöglichkeit, das Masslose zu messen, Grenzenloses zu begrenzen, scheitern muss. Immer nur kann es ein Versuch bleiben, ein Versuch, der dem gleicht, Schönheit, Reichtum und Erhabenheit der Wellen des Meeres schildern zu wollen. Hingegeben seinen unendlichen Strömungen, wird der glückliche Schwimmer auf ihren höchsten Wogen hinausgetragen, der Ewigkeit zu, leicht und stolz jene verlassend, die an den Klippen ihrer geistig-seelischen Unfruchtbarkeit zerschellen oder im sichern Hafen ihrer Zeitlichkeit zurückbleiben.

 

Arnold Schönberg. Mit Beiträgen von Alban Berg et al. München 1912, S. 75–90

 

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