Schoenberg ist mein Lehrer. Ich bin ihm ungeheuer dankbar, weil er sehr viel fuer mich getan hat. Ich halte ihn fuer den groessten buergerlichen Komponisten. Wenn der Bourgeoisie seine Musik nicht gefaellt, so kann ich das nur bedauern, denn einen besseren Komponisten hat sie nicht. Schoenbergs Musik ist nicht schoen anzuhoeren für naive Zuhoerer, denn er zeigt den Kapitalismus genau wieder ohne die kapitalistische Welt zu beschoenigen und aus seinen Werken schaut uns wirklich das Gesicht des modernen Kapitalismus entgegen. Da er ein Genie und ein vollendeter Techniker ist, schaut es uns sehr klar entgegen und viele Leute erschrecken, aber er hat das riesige historische Verdienst, dass die Konzertsäle der Bourgeoisie, wenn man seine Musik hoert, kein mehr so lieblicher, angenehmer Aufenthaltsort sind, wo man gerührt wird ueber seine eigene Schoenheit, sondern gezwungen wird, ueber die Verworrenheit und Haesslichkeit der Welt nachzudenken, oder sie abzulehnen.
Schoenberg hat aber auch das Verdienst, der Lehrer von Generationen junger Komponisten zu sein. Von seinen Arbeiten wird man noch sehr lange lernen koennen, auch wenn man sie nicht mehr als Genuss verwenden kann. Auch die Theorien Einsteins kann man nicht fuer aktuelle Zwecke anwenden, trotzdem sind sie geschichtlich von grosser Bedeutung. Ein aehnlicher Fall ist Schoenberg. Er ist von einer Unbestaendigkeit sauberster Konsequenz seit 40 Jahren, dass wir, die wir seine politischen Anschauungen nicht teilen, sondern sie ablehnen, als Kuenstler ihn bewundern können.
Es ist, wie Marx sagt: »Gleichgueltig was er ueber seine Lage denkt, oder was er fuer Anschauungen hat, sondern nur auf das schauen, was er konkret macht«, und da koennen wir sagen, dass Schoenbergs Leistung die wertvollste, geschichtlich groesste Leistung moderner Musik ist. Die jungen Komponisten, besonders die Arbeiterkomponisten, duerfen ihn [nicht] unkritisch geniessen und kopieren, muessen aber die Kraft haben, den Inhalt seiner Werke von der Methode zu trennen. Also die Technik von der Expression.
Dass dieser 60jährige Mann, der nicht mehr gesund ist, nach einem Leben voll schwerster Entbehrungen fuer seine Kunst, heute heimatlos durch die Welt gejagt wird, ist eine der fuerchterlichsten Kulturschanden des Kapitalismus.
Ich will noch sagen: Von ihm wird man noch immer lernen, wenn die anderen sich jetzt in Mode befindlichen Komponisten schon lange vergessen sind.

New Masses, New York (26. November 1935), S. 18f.
 

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