In dieser Zeit der Umwertungen gilt es für die, denen Kunst edelster Ausdruck menschlichen Geistes ist, Eines festzuhalten, zu bewahren und späteren Generationen zu überliefern: das Wissen um die Meisterschaft. Dieses Wissen war niemals Allgemeingut, aber frühere Generationen mühten sich darüber ins Klare zu kommen, was den Begriff der Vollendung bei einem Kunstwerk ausmache. Heute wird vielfach der Blick, das Ohr von diesem Grundbegriff abgezogen und auf andere Faktoren gelenkt, denen nur peripherischer Wert zukommt.
Jeder große Künstler trägt in sich eine Welt der Gestalten, der Bilder, der Formen, der Tongedanken. Und jedes Werk trägt als Mikrokosmos die Essenz des Makrokosmos in sich. Arnold Schönberg ist ein Meister: das bezeugt sein Werk, das bezeugt sein Wirken für die Kunst. Die Beherrschung des Handwerklichen ist schon in den frühen Werken erstaunlich; sie steigert sich aber von Werk zu Werk und führt bisweilen zu so strengen und knappen Formulierungen, daß sich die Fülle des in kleinstem Raum Gestalteten erst nach vielfachem Hören erschließt.
Für Schönbergs künstlerische Persönlichkeit ist der Reichtum der Assoziationen bezeichnend. Selten tritt ein musikalischer Gedanke gesondert auf; meist ist er von einer oder mehreren Stimmen begleitet, die selbst wieder Bedeutung haben. Dieser künstlerische Vorgang, schon in den Jugendwerken deutlich erkennbar, führt in einer späteren Epoche des Schaffens dazu, die konventionelle Form aufzulösen und eine Fülle kleinerer Motivformeln aneinanderzureihen; in der nächsten Periode zwischen Haupt- und Nebenstimmen zu unterscheiden, deren Beziehung zu einander dem Kunstwerk gesteigerte Tiefenwirkung verleiht.
Die meisterliche Beherrschung der Beziehungen hatte im Harmonischen dazu geführt, die Tonalität durch den Gebrauch von Nebenstufen aufs Äußerste auszunützen; später aber die Grenzen der Tonalität so zu erweitern, daß mehreren Stufen tonikale Bedeutung zukam, bis dann im Zwölftonsystem jeder der Töne tonikale Wirkung auszuüben vermochte.
Da sich dieses harmonische System aus der völligen Beherrschung der traditionellen entwickelt hat, wird sicherlich eine spätere Theorie die organische Verbundenheit dieses neuen Systems mit dem traditionellen aufweisen können, so wie die »Tristan«-Harmonik erst in dieser Zeit ihre Bedeutung erfahren hat.
Dem Reichtum der melodischen und harmonischen Assoziationen entsprechen die rhythmischen Kombinationen, durch welche der Pulsschlag der Musik immer aufs neue verändert wird. Niemals wird der Hörer längere Zeit einem einzigen Rhythmus überlassen; er wird gezwungen, dem Gestaltungswirken des Autors mit nie nachlassender Spannung zu folgen.
Diese dichte Zusammenfügung der melodischen, harmonischen und rhythmischen Elemente der Tonwelt zu einer höchst persönlichen Form vollzieht sich auf einer Ebene des Gestaltens, deren Höhe vorerst nur einem begrenzten Hörerkreis faßbar ist. Aber wohl Alle, die offenen Sinnes das Werk Arnold Schönbergs auf sich wirken lassen, stehen in Bewunderung vor der Meisterschaft, die sich in jeder Seite manifestiert, und erkennen, daß nur ein großer Herr im Reich der Töne Solches zu gestalten vermag.

Arnold Schönberg zum 60. Geburtstag, 13. September 1934. Wien 1934, p. 23–25
 

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