Ein seltsamer Begriff: merkwürdig in seiner Konzeption, in der Vielfältigkeit seiner Deutung und in seinen Wandlungen. Galt doch Musik schon immer als die ideale Geistesübung – und Ideal ist immer Zukunft. Merkwürdig und charakteristisch, daß die Potenzierung, die in seinem Inhalt liegt, auf Musik angewandt wurde, die es ja eigentlich nicht nötig hätte… Wie ist er entstanden? Vielleicht wäre die Antwort: kaum in einer anderen Kunst drängt das Material (das ewig bewegte Empfindungsleben) so rastlos zu immer neuer Gestaltung; kaum in einem anderen geistigen Bezirk trotzt es so hartnäckig jeder Anerkennung einer ewiggültigen Form für die immer neue Wahrheit. Beglückt auch das Gewordene durch Unmittelbarkeit und lebendige Wärme, es verbleibt die Sehnsucht nach immer neuer Gestaltung ungestillt. Und diese Sehnsucht ist es, nach ewiger Melodie, »jenseits von Gut und Böse«, der jener verwegene Begriff entsprang. Alles was als Fessel empfunden war; der »Zwang« der Form, die animalische Wärme, die sinnliche Hingabe an den vertrauten Wohllaut der Klänge möchte in diesem Begriff untergehen, der wie ein Regenbogen schillernd ein neues Bündnis mit dem Unendlichen versinnlichen wollte. Doch sind die geistigsten Wege die am wenigsten gangbaren. Nur allzubald findet sich die Menschheit mit ihren Träumen ab, in dem Sinne, daß man dem Traume lassen möge, was des Traumes ist. Bleibt seine Funktion, die Schwelle ins Unbekannte zu bilden, anerkannt (der eigentliche Sinn der Musik), so wird er alsbald rationalisiert, und man sanktioniert ihn als göttliche Sendung nur, wenn seine Erkenntnisse sich dem ungöttlichen Leben fügen. Und wehe dem Ideal, das hartnäckig genug ist, es immer zu bleiben! Seine Untüchtigkeit wird ihm verziehen: erst nachsichtig, dann spöttisch, zuletzt gar nicht mehr: aus dem Regenbogen »Zukunftsmusik« wird die Fata Morgana »Zukunftsmusik« – bald darauf wird ihm der immerhin ehrbare Name aberkannt und als »Neutöner« werden seine Verkünder verbrannt.
Doch es geschah tatsächlich, daß Einer »am offenen Meere« den Kurs geradeaus auf einen Stern nahm, der ihm die Zukunft verhieß. Es geschah weiterhin, daß er den Stern erreichte und dort verblieb. Er machte ihn wohnbar und lebendig. Indem er Kunde davon gab, erkannte man wieder einmal, daß Leben unbegrenzt ist, daß die Welt weiter geworden war. Zukunftsmusik, wie sie erwartet sein mochte, nein, wie sie der Begriff dunkel andeutete, war mit einem Mal Realität. Hatte man denn nicht solches geahnt? Die Überwindung der irdischen Schwereverhältnisse, den Sinn, der neue Verhältnisse formt, nicht nur alte umdeutet, den Klang, der klarer und schärfer aus dünneren Luftschichten zu kommen scheint, die neue Melodik, die von keiner Konvention gehemmt dem Ausdruck frei dienen will. Es wäre die »Luft von anderen Planeten«, die von der Zukunft Zeugnis ablegte, wie ein Meteorit unabweisbar hier an das Vorhandensein ferner Welten mahnt.
Doch zeigte es sich, daß die Gegenwart ihre Rechte eifersüchtig verteidigt und nichts feindseliger empfindet als Zukunft, der sie ja doch willenlos ausgeliefert ist. Ja, selbst das Reich der Toten erscheint ihr vertrauter als das Reich der Ungeborenen. Braucht sie auch den Traum im Leben, so kann sie ihn lebend nicht brauchen. Wie jener Meteorit wird diese Zukunftsmusik zum Begriff der Fremdheit. Das Unirdische ihres Wesens wird als unlebendig empfunden, das Wesensverwandte als überflüssig. Ihr Glanz verwirrt, ihre Härte wird als Starrheit angesehen, die Differenziertheit ihres Ausdrucks als Unverständlichkeit, ihre Übergeschlechtlichkeit als Unfruchtbarkeit, die Erfüllung als Begrenztheit. Da wird ihr die mangelnde Erdenschwere zur Last gelegt, die Bindung an ewig Gültiges als Sterblichkeit verhöhnt, sie gilt als unfrei, wenn sie ihre Gesetze erkennt und ihnen folgt. Muß es jedem Traum so gehen, wenn er Wirklichkeit wird? Er ist aber Wirklichkeit geworden, und so greift er ein in den Lauf der Dinge. So stark die Sehnsucht war, die ihn erscheinen ließ, so kraftvoll nun seine Lebendigkeit. Ist er auch nicht mehr wie jener Regenbogen unangreifbar, weil ungreifbar, so ist er, wie es Lebendiges ist, nicht mehr wehrlos. Schon stählt er die Sinne, daß sie sein Leuchten ertragen, schon kräftigt er die Herzen, daß sie mutvoll-freudig dem Unbekannten entgegentreten, schon dringt sein Sinn durch die Nebel und bringt Ordnung in die unsicher verwirrten Gehirne. Seine Gegenwart ist nicht zu umgehen, sie ist überall nahe – und was nahe ist, wird bald vertraut sein. Vertraut: man erkennt schon seine Züge und darin die eigenen; schon entnimmt das Ohr seinem Rauschen und Brausen das zarte Schwingen des Traumes, den jeder träumt, jeder träumen muß.
Es ist nicht mehr der Stern des Einsamen; die Erde nähert sich ihm in raschem Lauf, und die Luft, die heute nur wenige atmen, wird bald die Sphäre menschlicher Siedlungen sein. Vielleicht werden hier bald Grenzen gezogen: Bis hierher und nicht weiter! und so sorgfältig gehütet werden wie die alten. Doch sollte aus dem Wesen des Neuen für immer erkannt werden, wie es erworben ist. Daß es die Rastlosigkeit des Fühlens war, die diese Grenzen so weit gesteckt hatte, der Flug durch die Welten, der dieser Welt die Leichtigkeit gab, den Klang der Sphären, der der Menschheit nun Lied geworden ist.
Denn Musizieren heißt: immer wieder das Abenteuer mit dem Unbekannten bestehen. Musik ist immer Zukunftsmusik.

Arnold Schönberg zum 60. Geburtstag. Wien 1934, p. 28–30
 

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