Es sind über 30 Jahre her, daß musikbegeisterte Studenten in Wien ein Amateurorchester gründeten, es stolz »Polyhymnia« benannten und mich zu ihrem Dirigenten wählten. Das Orchester war nicht groß. Ein paar Violinen, eine Bratsche, ein Cello und ein Contrabaß – eigentlich nur ein halber. Aber so unbescheiden wir sonst waren, mit unseren Leistungen waren wir sehr zufrieden. Wir waren alle musikhungrig und jung, und musizierten recht und schlecht, jede Woche einmal, drauflos. Nun, solche Vereine hat es immer wieder gegeben; das war nichts Ungewöhnliches. Jedoch, an dem einzigen Cellopult saß ein junger Mann, der ebenso feurig wie falsch sein Instrument mißhandelte (das übrigens nichts Besseres verdiente – es war von seinem Spieler um sauer ersparte drei Gulden, am sogenannten Tandelmarkt in Wien gekauft) und dieser Cellospieler war niemand anderer als Arnold Schönberg. Damals war Schönberg noch ein kleiner Bankbeamter, der aber von diesem Beruf nicht allzuviel Gebrauch machte und seinen Musiknoten den Noten in seiner Bank den Vorzug gab. So lernte ich Schönberg kennen und bald entwickelte sich aus der Bekanntschaft eine intime Freundschaft. Wir zeigten uns gegenseitig unsere Arbeiten; Schönberg komponierte in jener Zeit schon alles Mögliche, wie Violinsonaten, Duette, Chöre für Arbeitervereine und hauptsächlich Lieder. Diese Kompositionen sind alle Manuskript geblieben, und ganz wenige Freunde haben sie kennen gelernt. Sein erstes größeres Opus war ein Streichquartett; ein Stück, noch stark von Brahms beeinflußt, in einem Mittelsatz jedoch bereits eigene Töne anschlagend. Ich war zu dieser Zeit Vorstandsmitglied des Wiener Tonkünstlervereines, dem Brahms als Ehrenpräsident vorstand. Ich schlug Schönbergs Quartett zur Aufführung vor und setzte schließlich auch eine Aufführung an einem nichtöffentlichen Vereinsabend durch. Ich glaube, der Erfolg war groß. Jedenfalls, man horchte auf und der Name Schönbergs sprach sich, zunächst in Musikerkreisen, herum. Bald darauf schrieb er ein Streichsextett, nach einem Gedichte von Richard Dehmel. Soviel ich weiß, war es die erste Programmusik für Kammermusik. Ich versuchte abermals, den Vorstand des Tonkünstlervereines zu einer Aufführung dieses Werkes zu bestimmen. Aber diesmal hatte ich kein Glück. Das Stück wurde »geprüft« und das Ergebnis war absolut negativ. Ein Mitglied der Jury gab sein Urteil mit den Worten ab: »Das klingt ja, als ob man über die noch nasse Tristan-Partitur darüber gewischt hätte!« Nun, dieses Sextett »Verklärte Nacht« ist eines der am meisten aufgeführten Werke von Schönberg und der modernen Kammermusikliteratur überhaupt geworden. Schönberg ließ sich durch diesen scheinbaren Mißerfolg nicht beirren; ein paar kräftige, launige Worte auf seine Kritiker – und damit hatte seine damals noch ungemein heitere, optimistische Natur die ganze Angelegenheit erledigt.
Noch ein drittesmal sollte der Tonkünstlerverein in eine gewisse Beziehung zu einem seiner Werke kommen; und zwar durch einen vom Verein ausgeschriebenen Preis für einen Liederzyklus mit Klavier. Schönberg, der sich um den Preis bewerben wollte, komponierte einige wenige Lieder nach Gedichten von Jacobsen. Ich spielte sie ihm vor. (Schönberg spielte bekanntlich nicht Klavier.) Die Lieder waren wunderschön und wirklich neuartig, aber beide hatten wir den Eindruck, daß sie gerade deshalb wenig Aussicht für eine Preisbewerbung hätten. Schönberg komponierte trotzdem den ganzen großen Zyklus von Jacobsen. Aber nicht mehr für eine Singstimme allein; große Chöre, ein Melodram, Vor- und Zwischenspiele kamen dazu und das Ganze für ein Riesenorchester gesetzt. Ein ganz großes Werk, die »Gurrelieder« waren entstanden, ein Werk, das seinen Welterfolg begründete. Auch dieser große Erfolg jedoch schützte Schönberg nicht vor bitteren Kämpfen bei seinen weiteren Werken. Heute aber an seinem 60. Geburtstage weiß er schon, daß er als Sieger hervorgegangen ist. Und es bleibt nur noch zu wünschen, daß ihm noch viele Jahre und viele Werke geschenkt werden.

Arnold Schönberg zum 60. Geburtstag, 13. September 1934. Wien 1934, p. 33–35
 

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