Arnold Schönberg, der Vertreter der modernsten musikalischen Richtung, dessen Melodram »Pierrot lunaire« soeben mit großem Erfolg in Paris aufgeführt wurde, ist von einem Redakteur der Theaterzeitung »Comoedia« interviewt worden.

»Ich traf Schönberg im Vorzimmer an der Seite seiner anmutigen blonden Gattin, umgeben von einer großen Zahl von Verehrern und Verehrerinnen. Bei der Begrüßung sagte er mir, er habe im Gymnasium Französisch gelernt mit dem Erfolg, daß er nicht ein Wort sprechen könne. Aber wenn er es auch nicht sprechen könne, so verstehe er es doch ziemlich gut. Auf meine Frage nach seinen neuen Plänen wurde mir die Antwort: »Ich arbeite seit langer Zeit an der Bühnenmusik eines Dramas, dessen Titel ich aber geheimhalten muß. Ich denke nicht, daß es vor einigen Jahren aufgeführt werden wird. Dann schreibe ich zur Zeit Variationen für Orchester, und endlich trage ich mich mit dem Gedanken, ein Violinkonzert zu schreiben, das, wie ich hoffe, von Kreisler in die Oeffentlichkeit eingeführt werden wird. Ich möchte hier der Musik für Violine eine neue Anregung geben. Meine Mußestunden benütze ich dazu, ein Buch auszuarbeiten, in dem ich meine Gedanken über Musik klarlegen will. Es soll den Titel führen: »Von der Logik im Aufbau der Musik.«

»Wollen Sie mir etwas über die deutsche Musik, ihre Entwicklung und Beziehungen zu der französischen Musik mitteilen?«
Meine Frage setzte Schönberg offenbar in Verlegenheit, denn er drehte nervös seinen Ehering. Eine junge Frau hilft ihm aus der Verlegenheit, indem sie ihm einen Teller mit Kuchen reicht. Der Schöpfer des »Pierrot lunaire« lächelt ironisch, nimmt ein Stücke Torte vom Teller und antwortet mir, während er die Teetasse zum Munde führt: »Lassen Sie mich einen Augenblick darüber nachdenken.« Der Kuchen scheint vortrefflich zu sein, und Arnold Schönberg wird darüber mit seinen Gedanken nicht fertig. Endlich schiebt er den Teller zurück und wendet sich mit den Worten an mich: »Die Entwicklung der deutschen Musik und die der französischen gehen meines Erachtens parallel. Beide wenden sich gegen das Pathos, das vor zwanzig Jahren in seiner Hochblüte stand.« – – »Das Pathos und die Romantik« unterbrach ich ihn. »Nein«, war seine Antwort, »die Romantik existiert nicht mehr. Wenn man sich dieses Wortes noch bedient, so tut man Unrecht, denn es steckt nichts dahinter. Ich betone, das ‘Pathos’, das heißt, die Großsprecherei der vorangegangenen Musik, dieser Musik, die nicht durch die Gedanken, die sie enthielt, wirkte, sondern nur durch die Empfindung, ja manchmal auch nur durch die Empfindelei des Komponisten. Ganz gleich, ob es sich dabei um Frankreich oder Deutschland handelt; wir verlangen heute eine Musik, die durch die Idee lebt und nicht von dem Gefühl.«
Auf meinen Einwand, daß die junge Generation immerhin einen gewissen Gounod entdeckt habe, antwortet Schönberg rasch: »Ich spreche nicht von der jungen Generation, ich spreche von mir. Ich habe die Musik ein tüchtiges Stück vorwärts gebracht, das kann ich ohne falsche Bescheidenheit sagen. Ich bin mir dessen durchaus bewußt. Zwischen dem Punkt, wohin ich die Musik geführt habe, und dem zurückliegenden klafft eine Lücke. Es ist die Lücke, die die Musiker von heute sich auszufüllen bemühen.«

»Sie meinen also«, war meine Gegenrede, »die ganze musikalische Bewegung Deutschlands hat zum Zweck und Ziel die Entdeckung einer Frau, die einem größeren Publikum das Verständnis einer Musik, der wir zum Siege verhelfen wollen, vermittelt. Sie soll uns die Hörer wieder zuführen, nachdem viele Schöpfer und Kritiker gegen unsere Musik, deren Theorie sich der Formel des »Art pour l’art« nähert, Stellung genommen haben.«
»So ist es«, antwortete Schönberg, »wir finden in Deutschland eine Menge Namen, die mit denen Ihrer namhaftesten Musiker zusammen genannt werden dürfen. Der Stil mag verschieden sein, aber die Tendenzen sind dieselben. Sie betreffen hauptsächlich die Form und die Probleme der modernen Harmonie, die die Beständigkeit der Formen ein wenig unterbrochen haben. Hindemith ist eine Art Darius Milhaud, und Webern erinnert mit seinen kurzen musikalischen Aphorismen an Ihren Debussy.«

»Sie glauben also«, bemerkte ich, »daß es sich dabei im Gegenteil um eine Rückkehr zum Lyrischen, um eine Reaktion gegen Ihre eigenen Tendenzen handelt?«
»Das glaube ich nicht,« antwortete Schönberg auf meine Frage. «Sie füllen nur eine Lücke aus. Das ist alles. Sie schlagen nur die Brücke, die dem Publikum gestatten wird, zu mir zu kommmen.«
»Aber man sagt doch,« fuhr ich fort, »daß Ihre Ernennung zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste als Ausdruck des Willens Deutschlands zu gelten hat, gegen die Richtung Debussys und den französischen Einfluß im allgemeinen anzukämpfen, und daß man andererseits in ihr den Wunsch erkennen darf, sich mehr der österreichischen Bewegung zu nähern. Ich gebe zu, daß die Frage etwas brutal ist, aber es wäre doch zu wünschen, daß diese Hypothese entweder dementiert oder richtiggestellt wird.«

In diesem Augenblick näherte sich die junge Dame erneut Herrn Schönberg, um ihm ein Glas Portwein und einen Teller mit verlockend aussehender Torte anzubieten. Schönberg lächelte erneut ironisch, nimmt das Glas Portwein und schickt sich an, sich die Torte zu Gemüte zu führen: »Ich will nochmals darüber nachdenken,« erklärte er, während er am Tisch Platz nimmt. Da eine halbe Stunde später Schönberg noch immer nachdachte, hielt ich es an der Zeit, mich zurückzuziehen.

Berliner Börsenzeitung (16. Dezember 1927)

 

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