1896 - 1898
Arnold Schönbergs erste belegbare Beziehungen zur Stadt Mödling gehen auf 1896 zurück, als er nach Aufgabe seines Postens als Bankangestellter die Leitung des 1893 gegründeten Mödlinger Arbeitergesangsvereines »Freisinn« übernahm. Nach Erinnerungen seines Sohnes Georg legte er zu dieser Zeit immer einen Teil der Strecke Wien – Mödling zu Fuß zurück, da sein Honorar nicht mehr für die zweite Fahrt reichte.
Die aufgrund politischen Inhalts zuweilen von behördlicher Auflösung bedrohten Liedertafel-Abende in Mödling (manche Kompositionen mussten nach Interventionen der k.k. Staatsanwaltschaft neu textiert werden), waren bei kolportierten 350 bis 1000 Besuchern äußerst erfolgreich. Die Programme umfassten neben Chören von Johannes Brahms, Strauß-Bearbeitungen und deutschen Volksliedern hauptsächlich Heimat-, Soldaten- und Freiheitshymnen. »Zum Schluß folgte ein Tanz-Kränzchen und wurde demselben bis morgens gehuldigt.« (Mödlinger Bezirks-Bote, 8. Januar 1899)
Aufführungsorte waren das Hotel Eisenbahn sowie das Hotel Bieglerhütte, wo der letzte Vereinsabend unter Schönbergs Mitwirkung am Silvesterabend 1898 »zur Zufriedenheit zu Gehör gebracht« wurde. Egon Wellesz, Schüler und erster Biograph Schönbergs, berichtete 1921 von einer Episode nach einem jener Chorabende, welche die Komposition eines Teils aus den »Gurre-Liedern« mit Mödling in Zusammenhang bringt: »Mit dem Mödlinger Gesangsvereine hatte er nach einer durchzechten Frühlingsnacht einen Ausflug auf den nahe dieses Ortes gelegenen Berg, den Anninger gemacht. Die Wanderung durch den im Frühnebel liegenden Wald und der Sonnenaufgang gaben ihm die Inspiration zum Melodram ›Des Sommerwindes wilde Jagd‹ im dritten Teil und zum Schlußchor ›Seht die Sonne!‹«
1904
Zwischen Juli und August bezog Schönberg bei den Eltern seines Jugendfreundes in der Brühlerstraße 104 Quartier. Dort arbeitete er im Auftrag des Verlags Josef Weinberger parallel zu seinem Schwager Alexander Zemlinsky an Instrumentierung und Klavierauszug der Oper »Bergkönig« von Robert Fischhof, die im Jahr darauf unter dem Titel »Ingeborg« erschien, sowie an eigenen Kompositionen, dem Ersten Streichquartett d-Moll op. 7 und den Sechs Orchesterliedern op. 8: »Ich habe ein neues Lied für Orchester (das 4te) angefangen. Ich glaube, das wird sehr gut werden! (...) Mein Quartett ruht. Vielleicht komme ich aber doch noch dazu. Leider muß ich Fischhof klaviermäßig verschlucken, und orchestermäßig herausbrechen, wiedergeben! Ich habe kürzlich gesagt, wenn mir einmal Gedenktafeln an Landorten gesetzt werden müßten: ›hier componierte er...‹, so könnte es leider immer nur heißen: ›hier instrumentierte er‹ (...)« (Brief an Oscar C. Posa vom 13. Juli 1904)
1918
Auf Vermittlung von Baronin Pascotini (»Tante« Olga), die als Waise in Schönbergs Elternhaus aufgenommen wurde und in Mödling in der Schillerstraße 22 wohnte, konnte Schönberg mit seiner Familie zu Kriegsende im Frühjahr 1918 eine Wohnung in der Bernhardgasse 6 zum monatlichen Mietzins von 200 Kronen beziehen. Das Mobiliar wurde bereits im Januar spediert und am 1. April berichtete Arnold Schönberg seinem Schwager Zemlinsky: »Wir sind in Mödling, aber ohne Mädel! Ohn=Mädling!«
»Schönberg hat wieder eine herrliche Idee: (...) einen Verein zu gründen, der es sich zur Aufgabe macht, Musikwerke aus der Zeit ›Mahler bis jetzt‹ seinen Mitgliedern allwöchentlich vorzuführen.« (Alban Berg in einem Brief an seine Frau Helene vom 1. Juli 1918)
In Mödling wurde die Idee zum »Verein für musikalische Privataufführungen« geboren, dessen Gründung im folgenden November stattfand. In der ersten konstituierenden Generalversammlung des Vereins im Dezember wurde unter der Präsidentschaft Arnold Schönbergs ein Vorstand von 19 Mitgliedern seines Wiener Schüler- und Freundeskreises bestätigt. Der Verein setzte nicht nur als Pflegestätte von Novitäten sondern auch durch seine unkonventionelle Struktur neue Maßstäbe: Geheimhaltung des genaueren Programms (um einen »gleichmäßigen Besuch zu sichern«), Wiederholung von Werken, nichtöffentlicher Charakter der Vereinskonzerte, Verbot von Beifalls- oder Missfallensbekundungen, um »Künstlern und Kunstfreunden eine wirkliche und genaue Kenntnis moderner Musik zu verschaffen«. Für Proben und Vereins-Konzerte, welche im Konzerthaus, Musikverein, Festsaal des Kaufmännischen Vereins sowie im Klub österreichischer Eisenbahnbeamter, den Schwarzwald’schen Schulanstalten und dem Festsaal des Ingenieur- und Architektenvereins stattfanden, brachte man des öfteren Schönbergs Mödlinger Harmonium nach Wien.
1919
Nach der Übersiedlung gab Schönberg neben seiner Tätigkeit an den Schwarzwald’schen Schulanstalten (bis 1920) auch Privatstunden in der Bernhardgasse: über 100 Schüler nahmen in jener Zeit Kompositionsunterricht, darunter Max Deutsch, Hanns Eisler, Hanns Jelinek, Fritz H. Klein, Rudolf Kolisch, Paul Amadeus Pisk, Josef Polnauer, Karl Rankl, Erwin Ratz, Josef Rufer, Rudolf Serkin und Viktor Ullmann. »Mit Webern, der ja ebenfalls 1918 nach Mödling gezogen war, unternahm er an Sonntagen oft ausgedehnte Spaziergänge auf den Anninger. Auch Berg und seine Frau kamen öfters zu Besuch, ebenso viele andere Freunde und Schüler. Die Wohnung lag im Hochparterre und bestand aus mehreren Räumen. Ein Badezimmer, ein Vorzimmer und eine verglaste Veranda hat sich der Vater erst nach und nach selbst eingerichtet. Er hatte ein eigenes Arbeitszimmer, in dem ein Klavier, ein Harmonium, Geigen, Viola und Violoncello standen, seine ganze Bibliothek, ein Schreibtisch; gearbeitet hat er an einem Stehpult.« (Georg Schönberg, 1971)
Die Schüler reisten mit der Elektrischen, der Dampftramway, aber auch zu Fuß an, da nach dem Krieg die öffentlichen Verkehrsmittel in der Umgebung Wiens nur unregelmäßig verkehrten. Max Deutsch berichtete 1970 im Rahmen einer Fernsehdokumentation: »Wir marschierten dann die 15 Kilometer zu Fuß, an einem Tag hin und zurück, um bei Schönberg Unterricht zu nehmen. Der Unterricht war kollektiv, er fand mindestens zweimal in der Woche statt. Schönberg saß am Klavier, wir standen im Halbkreis hinter ihm und legten ihm unsere Arbeiten vor, die er korrigierte und besprach.«
1920
Schönberg verließ seinen Wohnsitz in den kommenden Jahren für zahlreiche Konzertreisen in das Ausland sowie für Aufenthalte in Traunkirchen. Die Unterrichtsbedingungen der Kurse für Komposition in der Mindestlehrzeit von sechs Monaten sahen vor, daß Schüler »nur Anspruch auf durchschnittlich sieben Stunden im Monat« hatten, weil er »von Zeit zu Zeit durch Reisen oder Proben am Unterricht verhindert« war.
Beginnt im März mit einer Passacaglia für Orchester (Fragment) und bearbeitet für den »Verein für musikalische Privataufführungen« die Fünf Orchesterstücke op. 16 für Kammerorchester. Komponiert im Juli die ersten beiden Klavierstücke op. 23, skizziert Nr. 4. Kompositionsbeginn der Serenade op. 24 im August.
1921
Vollendet am 6. Oktober den Marsch aus der Serenade op. 24. »Weihnachtsmusik« für Kammerensemble.
1922
Neben dem Kreis seiner Schüler empfing Schönberg in Mödling auch Besuch aus dem Ausland, etwa Francis Poulenc und Darius Milhaud: »Er lud uns zu sich nach Mödling in der Nähe von Wien ein. Dort verlebten wir einen wunderschönen Nachmittag. (...) Schönberg sprach ausführlich von seiner Arbeit, besonders von seinen Opern ›Glückliche Hand‹ und ›Erwartung‹, deren Partituren ich mir gerade gekauft hatte. (...) Die Wände seiner Wohnung waren voll von Bildern, die er selbst gemalt hatte: Gesichter und Augen, überall Augen!“ (Bericht Milhauds über den Besuch im Juni 1922)
Anfang eines Violinkonzerts (Fragment). Skizzen zu zwei Stücken für Kammerensemble (März und Mai) bleiben ebenso fragmentarisch. Orchesterbearbeitungen von Bachs Choralvorspiel »Komm, Gott, Schöpfer, heiliger Geist«. Beginnt im November mit »Gerpa«, Thema und Variationen für Horn, Klavier, zwei Violinen und Harmonium (bricht nach der vierten Variation ab), welche Schönberg für sich und seinen Sohn Georg konzipiert, der Horn studiert. »Lied der Waldtaube« aus den »Gurre-Liedern«, Bearbeitung für Kammerorchester und Gesang (Abschluss der Niederschrift am 14. Dezember in Mödling).
1923
Historische Bedeutung erlangte Arnold Schönbergs Mödlinger Kompositions-Werkstatt durch die Entwicklung der »Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen«, welche zunächst im Walzer aus den Fünf Stücken für Klavier op. 23, der Serenade op. 24, der Klaviersuite op. 25 und dem Bläserquintett op. 26 musikalisch ausformuliert wurde: »Als Arnold Schönberg an einem Februar-Morgen des Jahres 1923 einige nähere Freunde und Schüler in seinem Mödlinger Heim um sich versammelte, um ihnen die Grundzüge seiner Methode vorzutragen und sie an einigen Beispielen aus seinen jüngsten Kompositionen zu erläutern, da begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Musik.« Josef Polnauer, 1959)
Nach dem Tod seiner Frau Mathilde am 18. Oktober 1923 plante Schönberg den Umzug nach Wien, da die Wohnung in der Bernhardgasse »nicht nur immer zu klein, sondern auch zu entlegen« war: Er teilte sie mit Sohn Georg, Tochter Trudi, Schwiegersohn Felix Greissle und deren im September in Schönbergs Wohnung geborenem Sohn Arnold. In einem Gesuch um Wohnungstausch an den amtsführenden Wiener Stadtrat Anton Weber vom 28. Dezember 1923 legte er die Gründe für einen notwendigen Ortswechsel dar: »Meine Wohnung wurde mir zu eng; a) mir fehlte ein Empfangsraum; b) mir fehlte ein Schlafraum; c) mein Arbeitszimmer (dieses muss mir als Schlafraum dienen!) hat nicht mehr Platz, die zu meiner Tätigkeit nötigen Bücher, Noten und Instrumente zu fassen und ist gänzlich ungeeignet, um darin Proben abzuhalten. (...) Wir haben zusammen 7 Räume; was die gesetzliche Beschränkung nicht überschreitet, da wir 5 Menschen sind, von denen drei ihren Beruf in der Wohnung ausüben.« Stadtrat Weber sowie der Bürgermeister (»der gegenwärtige Oberbimpf von Wien«, Schönberg an Zemlinsky) lehnten das Gesuch ab. Man teilte dem Komponisten mit, er solle es auf dem Privatweg versuchen, da es »gewiss Partein geben (wird), die von Wien gerne nach Mödling ziehen würden, wenn sie doch nur eine entsprechende Wohnung wüssten«.
1924
Im Januar dirigierte Schönberg auf Bitten der Mödlinger Stadtverwaltung eine Benefizveranstaltung zugunsten notleidender Deutscher. Diese musste aufgrund des enormen Erfolges wiederholt werden. Auf dem Programm standen Teile aus den »Gurre-Liedern«, die orchestrierte Fassung der »Verklärten Nacht« von 1917 sowie Beethovens Violinkonzert mit dem Solisten Rudolf Kolisch: »Arnold Schönberg, die Seele des Abends und der Menschen, die ihm musikergeben in sein Gottesgnadentum folgten, hat aber auch bewiesen, daß er Dehmels tiefster Dichtung bis ins Herz zu folgen verstand.« (Rezension in den Mödlinger Nachrichten vom 26. Januar 1924) Am 28. August heiratete Schönberg Gertrud Kolisch, die Schwester seines Schülers Rudolf Kolisch, in der Evangelischen Pfarrkirche zu Mödling. Anlässlich seines 50. Geburtstages am 13. September 1924 erschien in der lokalen Presse eine Huldigung, welche die »ungeheure Umwälzung auf dem Gebiete der gesamten Musik« würdigte: »Möge auch Mödling wissen, wen es bereits durch Jahre beherbergt.«
Setzt die zwischen April und Juli des Vorjahres begonnene Arbeit am Bläserquintett op. 26 fort, welche durch Krankheit und Tod seiner Frau Mathilde unterbrochen wurde. Vollendet den vierten Satz aus op. 26 am 26. August (Widmung an seinen Enkelsohn »Bubi« Arnold, geb. 1923 in Schönbergs Mödlinger Wohnung).
1925
Bearbeitung des »Kaiserwalzers« von Johann Strauß für die Tournee des »Pierrot«-Ensembles nach Spanien (datiert mit 1. April). Arbeitet zwischen Juni und August an der Suite op. 29. Beginnt am 30. September als letzte »Mödlinger« Komposition die Vier Stücke für gemischten Chor op. 27.
Im August wird Schönberg als Nachfolger Ferruccio Busonis als Leiter einer Meisterklasse für Komposition an die Preußische Akademie der Künste in Berlin berufen. Anfang Oktober gibt er seine Wohnung in der Bernhardgasse 6 auf und zieht bis zur endgültigen Übersiedlung nach Berlin Ende 1925/Anfang 1926 zu seinem Schwager Rudolf Kolisch nach Wien.